Txtr – verbaler Angriff auf Amazon Kindle

Um den Mythos Kindle zu entzerren hat das Berliner Txtr auf seinem Blog einen verbalen Großangriff auf den Platzhirsch von Amazon gestartet. Unter dem Titel „De-Mystifing the Amazon Kindle“ sucht Txtr den direkten Vergleich mit dem Kindle.
Die Situation ähnelt der Presskonferenz eines Boxkampfes, in der man seinen Gegner bereits beim Wiegen versucht zu besiegen. Nur ist dies der Kampf eines (noch) Leichtgewichts Txtr gegen das Schwergewicht Kindle. Bei folgenden Themen versucht Txtr zu punkten:

1. Preis
Txtr behauptet, der Kindle kostet ungefähr 280 Euro. Das ist nicht ganz richtig. Mit Steuern und Versand nach Deutschland liegt man bei ca. 260 Euro, kauft man einen Kindle direkt aus den USA. Für die 60Euro Differenz zu den 319 Euro des Txtr Reader kann man noch ein entsprechendes Ladegerät für europäische Steckdosen kaufen sowie Audiokopfhörer, denn der Kindle ist auch als MP3 Player zu nutzen. Zum Txtr-Hardwarepreis kommen noch die Kosten für ein mobiles Abo, will man das Gerät unterwegs nutzen und Inhalte synchronisieren. Diese ca. 15 Euro kommen monatlich noch on top – im Kindlepreis für die USA bereits enthalten. Kindle hat für den deutschen Markt keinen Mobilfunkbetreiber zur Zusammenarbeit gefunden.

Runde 1 geht klar an Kindle

2. Anzahl Bücher
Amazon wird im Kindle Store die 300.000er Marke in wenigen Tagen durchbrechen. Gut, für deutsche Kindle Nutzer ist die Auswahl an deutschen Kindle eBooks nicht sonderlich groß. Der Txtr-Store hat dagegen aktuell nur 12.000 Titel im Angebot, also nur ein Bruchteil dessen, was Amazon zu bieten hat. Davon sind ca. 25%, also ein Viertel der gelisteten Titel „English Books“. Trotz der zur Buchmesse angekündigten Kooperation mit verschiedenen Verlagen sind viele Titel stand heute noch nicht verfügbar.

Runde 2 geht ebenfalls an Kindle

3. Buchpreis

Bücher kosten bei Amazon zwischen 10-15$. Bedingt durch einen guten Umrechnungskurs auf den ersten Blick günstiger als Bücher im Txtr Store. Korrekt, durch die Buchpreisbindung in Deutschland ist hier (noch) nicht viel Spiel. Amazon vertreibt jedoch reihenweise Bestseller, die im Txtr Store heute noch nicht zu finden sind.

Unentschieden

4. Marktmacht von Amazon
Amazon ist einer der größten Online-Buchhändler der Welt. Ich kenne fast niemanden mehr, der noch nichts bei Amazon bestellt hat. Neben Büchern gibt es heute fast alle Elekroartikel, Spielzeug, Sportbedarf und mehr bei Amazon. Man braucht bei Amazon kein Filialnetz. Txtr wird seinen Txtr-Reader zunächst auf Txtr.com selbst vertreiben um sukzessive weitere Händler anzuschließen. Dies ist ein langer Prozess und nicht jeder Händler wird einen Txtr Reader sofort in seinen Regalen optimal positionieren. Ob und wann welche Händler angeschlossen werden ist nicht bekannt. Hier ein größeres Vertriebsnetzwerk als Amazon aufbauen zu wollen klingt fast schon vermessen.

Runde 4 geht klar an Amazon

5. Zusammenarbeit mit Verlagen
Amazon ist Buchhändler, Txtr ist Hardwarehersteller. Allein dieser Vergleich zeigt dass Amazon es mit hoher Wahrscheinlichkeit leichter haben wird, neue Verlage und Partner an Bord zu holen und alte abzustossen als Txtr. Sicher wird es immer wieder Verlage geben, die auf eine Zusammenarbeit mit Amazon verzichten werden. Ob diese jedoch Titel für den breiten Markt anbieten um eine wirkliche Konkurrenz für Amazon zu werden ist unklar.

Runde 5 für Amazon

Technische Details Kindle Txtr Reader

eBook ReaderKindle2Txtr
Größe (B/H/T)191x135x18mm146x128,2x8mm
Gewicht285g260g
Bildschirm6"6"
Auflösung600x800600x800
TechnologieeInkeInk
Touchscreenneinnein
Graustufen1616
Speicher2GB1GB (SD-Karte)
Internet3G, Whispernet3G/GPRS - Wifi
Blogs/RSSjaja
Akkulaufzeit2 Wochen2 Wochen
eBook-FormateKindle (AZW), MOBI, PRC, TXTPDF, HTML, Office, ePUB, open eBook, RSS feeds
BilderJPEG, GIF, PNG, BMPJPEG, PRC, Powerpoint, RTF
AudioMP3, Audible
in Deutschland erhältlichjaab Dezember
günstigster Preisca. 260 Euroca. 319 Euro
weitere InformationenAmazon.comTxtr.com

Einen klaren Vorteil, den man die Txtr-Leute in diesem Zusammenhang vergessen haben ist das Herzstück des Txtr-Readers, die Plattform txtr.com. Neben Bezahlinhalten besteht dort die Möglichkeit Dokumente mit anderen Nutzern auszutauschen. Die Plattform bietet ein unheimlich großes Potential und genau hier wird man gegenüber anderen eReader-Herstellern punkten können. Eine solche Plattform hat Amazon heute noch nicht. Die Txtr-Plattform bietet tolle Features, wie ds speichern von Webseiten. Thorsten von ereaderwelt.de erklärt, dass Webseiten hier gebookmarkt werden können und diese dann jederzeit über den Reader abrufbar sind.
Leider sind heute erst wenige Nutzer auf der Plattform angemeldet. Der Anspruch des vernetzen Lebens kann hier aber noch weiter ausgebaut werden.

Zusammenfassung

Der Amazon geht als klarer Gewinner dieses Txtr-Angriffs hervor. Bleibt die Frage, warum man im Hause Txtr einen solchen Weg geht. Zumal der Txtr Reader noch gar nicht verfügbar ist und erst wenige Nutzer ihn (z. B. auf der Buchmesse Frankfurt) in der Hand halten konnten. Das riesen mediale Presseecho zur Ankündigung im Oktober scheint verpufft. Die Entmystifizierung des Amazon Kindle endet eher in einer Bloßstellung des Txtr Readers.
Macht man bei Txtr seine Hausaufgaben und schafft es, den Austausch und die Inhalte auf Txtr.com zu erweitern, hat der Hersteller durchaus Potential. Auch die Vernetzung über Twitter könnte besser genutzt werden. Die letzte Meldung ist vom August. Obwohl in der Zwischenzeit doch einiges passiert ist.

Comments

  1. Bitte beachten Sie, dass bei Txtr die Mobilfunknutzung ebenfalls komplett gratis ist. Jeder Käufer des txtr readers kann mobil auf dem Gerät nach Büchern suchen und diese kaufen. Wir erheben nur dann Gebühren, wenn über Mobilfunk eigene Dokumente, Blogs und andere Feeds per Mobilfunk auf das Gerät synchronisiert werden sollen.

  2. Außerdem:
    - Beim txtr Reader ist eine 8GB-Karte von Anfang an mit dabei, nicht nur 1GB
    - Beim Angebot deutscher Bücher zeichnet sich eine sehr gleichmäßige Wettbewerbssituation ab: Die Verlage machen alle Titel, die Sie digital vorrätig haben, einfach allen Vertriebskanälen verfügbar. Dies führt also dazu, dass alle Ebook-Händler auf das gleiche Angebot an Ebooks zurückgreifen werden.

  3. ebook-fan says:

    Ich halte eigentlich viel von deutschen Produkten und wollte mir den txtr-ebook-reader auf der Frankfurter Buchmesse unbedingt anschauen, bzw. den txtr mal in die Hand nehmen. Irgendwie hatten die txtr-Leute aber keine Zeit für die Kunden, sondern waren immer in irgendwelche Interviews und anderen wichtigen Dinge “verwickelt” – zumindest bei den paar Malen als ich am txtr-Stand war.
    Ich fand das sehr schade, dass – obwohl noch nichtmal gestartet – man die Kunden nur so nebenbei betreut, wenn man mal Zeit dafür hat.
    Schon auf der Messe dachte ich, dass wenn Amazon mit dem Kindle nach Deutschland kommt, es die txtr-Leute schwer haben würden und sich vielleicht dann auch mehr auf die Kunden konzentrieren würden. Amazon ist hier Vorreiter. Nach meiner Erfahrung geht auch hier der Punkt an Amazon.
    Es wird spannend, wie sich txtr gegen das eines der effizientesten Vertriebsnetze der Welt behaupten kann – große Ankündigungen hat txtr ja schonmal gemacht. Ich bin gespannt auf die Taten..

  4. Markus says:

    Vielen Dank für das Feedback. Die Diskussion braucht nicht in technischen Details der einzelnen Reader zu enden.
    Unserer Meinung nach ist es wichtig, dass es Unternehmen wie Amazon, mit einer unglaublichen Marktmacht gibt, die eBooks und eBook Reader populär machen. Auf der anderen Seite braucht es innovative Hardwarehersteller wie Txtr, die technisch hochwertige eReader herstellen und das digitale Lesen erlebbar und zu einem Vergnügen machen.
    Dieses Zusammenspiel lässt den eBook Markt wachsen, weil jeder vom anderen profitiert. Unternehmen wie Thalia oder Libri führen schon seit langem ein eBook Sortiment und verkaufen eBook-Lesegeräte. Erst durch die Ankündigung von Amazon, seinen Kindle international und auch in Deutschland verfügbar zu machen haben viele dem Thema eBooks noch mehr Aufsehen geschenkt als bisher. Seit mehr als 4 Wochen ist der Kindle auf der Startseite von Amazon und es gibt fast kein großes Medium in Deutschland, welches noch nicht über eBook Reader geschrieben hat.
    Davon hat auch Txtr profitiert und die Publicity genutzt, sein eigenes Gerät auf der Buchmesse zu profitieren. Ich denke dass das Medieninteresse ohne Amazon nicht so groß ausgefallen wäre.
    Wenn Amazon sich in der Formatfrage gesprächsbereit zeigt, werden alle eReader Hersteller noch mehr profitieren. Deshalb ist es wichtig, dass es verschiedene Player im Markt gibt – denn nur so kann die Digitalisierung voranschreiten.
    Am Ende profitieren viele davon. Hardwarehersteller, Verlage und die eBook Fans.

    Markus

  5. FR says:

    Einen Monat später: inzwischen startet in den USA der wirkliche Wettbewerber gegen Amazon, nämlich Barnes & Noble. Nächsten Montag sollen 700 Geräte in allen Barnes&Noble-Filialen zur Verfügung stehen. Txtr hat inzwischen alle Alleinstellungsmerkmale (WLAN und Bluetooth) zurückgezogen und auf unbestimmte Zeit vertagt. Innovativ ist da nichts mehr. Der Preis des Produkts ist, verglichen mit Amazon und Barnes&Noble, überhöht. Eine Lieferaussage gibt es nicht, nur ein undurchsichtig-obskures Bestellsystem für Interessenten, die sich vor einem (!) Jahr angemeldet haben. Der Buchdruck wurde mal in Deutschland erfunden. Lang ist’s her, inzwischen werden Innovationen in diesem Bereich anderswo geschaffen. Schade, man hätte txtr wirklich mehr Professionalität gewünscht beim Versuch, hier jedenfalls den Anschluss zu halten. Aber nicht mal das scheint zu klappen.

  6. Markus says:

    @FR
    Guter Kommentar. Txtr lässt zum Marktstart seines eReaders jedoch lediglich die WLAN Funktion weg. Die Geräte haben eine Bluetooth Funktion (siehe http://blog.txtr.com/?p=318).
    Warum man bei dem Gerät auf WLAN verzichtet bleibt jedoch fraglich. Laut Ronnie von Txtr ist es zu teuer einzubauen? Da die Gerät jedoch schon bald ausgeliefert werden, steht die WLAN Entscheidung wohl schon seit langem fest und nicht erst seit 30. November.
    Trotz allem bleibt der Txtr Reader ein innovatives Gerät. Ob die Geräte reissenden Absatz finden wird sich zeigen.

    Markus

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